
Die Reise nach dem Tod beginnt nicht mit dem Tag der Auferstehung, sondern im Grab. Diese Vortragszusammenfassung behandelt die islamische Lehre über Barzakh – die Zwischenwelt zwischen Tod und Auferstehung – basierend auf prophetischen Überlieferungen und dem Verständnis klassischer Gelehrter. Es ist die erste Station einer Reise, die jede Seele antreten wird.
Die Ankunft im Grab
Der Prophet Muhammad (ﷺ) beschrieb den Moment, in dem der Verstorbene ins Grab gelegt wird, mit eindringlichen Worten. Überlieferungen bei Tirmidhi besagen, dass das Grab selbst zum Verstorbenen spricht: „Wehe dir, oh Kind Adams! Womit bist du mir begegnet? Wusstest du denn nicht, dass ich eine Bleibe für Einsamkeit bin und eine Bleibe der Dunkelheit? Ich beherberge Schlangen und Skorpione. Ich bin das Gefängnis für die, die sich gegen Allah erhoben haben.“
Diese Worte erinnern daran, wie Menschen zu Lebzeiten mit Gräbern umgehen – sie besuchen sie hastig, treten mit einem Fuß bereits wieder zurück, als wären sie verrückt vor Angst. Die Flucht vor der Realität des Todes endet unweigerlich mit der Konfrontation dieser Realität selbst.
Der Verstorbene hört die Schritte seiner Angehörigen, die sich nach der Beerdigung entfernen. Abdullah bin Ubaid (r.a.) berichtete, dass der Prophet (ﷺ) sagte: „Wenn jemand ins Grab gelegt wird, hört er die Schritte der Leute, die ihn dorthin begleitet haben. Und irgendwann drehen sich die Leute um und gehen. Keiner redet mehr mit ihm. Das Einzige, was mit ihm redet, ist das Grab.“
Der Schutz durch gute Taten
Für jene, die Allah gehorcht haben, entfaltet sich eine andere Realität. Der Prophet (ﷺ) beschrieb, wie gute Taten den Verstorbenen im Grab beschützen. Engel der Bestrafung kommen, um ihn zu befragen, doch sie werden abgewiesen – nicht durch Worte, sondern durch Taten.
Sie kommen zu seinen Füßen und fragen nach dem Gebet. Die Engel des Schutzes sagen: „Fasst ihn nicht an. Er stand oft für Allah.“ Sie kommen zur Hüfte und zum Bauch. Das Fasten meldet sich: „Haltet euch fern von ihm. Er hat viel gedurstet für Allah.“ Sie nähern sich dem Gesicht. Sadaqa (Almosen) tritt hervor: „Fasst ihn nicht an. Er hat mit seinen Händen viel Sadaqa gegeben.“ Sie kommen von hinten. Hadsch und Dschihad stellen sich in den Weg: „Fasst ihn nicht an. Er hat viel für Allah getan.“
Die Engel der Bestrafung ziehen sich zurück mit den Worten: „Möge diese Position dir gegönnt sein.“ Dies ist die konkrete Manifestation der prophetischen Lehre: Am Tag des Gerichts wird jeder allein sein. Weder Ehepartner noch Eltern oder Kinder werden einander helfen können. Das Einzige, was zählt, sind die Taten, die man mitgebracht hat.
Das Paradies im Grab
Für die Rechtschaffenen öffnet sich das Grab zur Weite des Paradieses. Gesegnete Engel bringen ein Bett aus dem Paradies und richten es für den Verstorbenen. Das Grab wird so weit, wie das Auge sehen kann – eine völlige Transformation der engen, dunklen Kammer in einen Raum göttlicher Gnade.
Eine Kerze aus dem Paradies wird aufgehängt, deren Nûr der Verstorbene bis zum Tag der Auferstehung genießt. Diese Beschreibungen sollten nicht materiell verstanden werden – wie Imam Ghazali lehrte, handelt es sich um Realitäten einer anderen Dimension, die unsere gewohnten Kategorien überschreiten.
Die Engel Munkar und Nakir
Nach dieser ersten Phase erscheinen zwei Engel, deren Namen allein schon Bedeutung tragen: Munkar („das Negative“) und Nakir („das Verwerfliche“). At-Tirmidhi beschreibt sie nach einer Überlieferung von Abu Huraira als Engel mit schwarzen Gesichtern und blauen Augen. Ihre Erscheinung ist furchteinflößend, ihre Stimmen gleichen Donner, ihre Körperhaare streifen den Boden, und mit ihren Zähnen reißen sie die Erde des Grabes auf.
Diese beiden Engel stellen die entscheidenden Fragen: „Was hast du über den Herrn zu sagen und seinen Propheten?“
Die Antwort des Gläubigen (Mu’min) ist klar und fest: „Der Herr ist Einer, und Muhammad ist sein Gesandter und Diener.“ Diese einfache, aber fundamentale Glaubensaussage transformiert das Grab vollständig. Es erhält eine Breite von 70 Hektar und eine Weite von 70 Hektar. Jede Ecke füllt sich mit Nûr. Die Engel sagen: „Liege in Frieden hier. Ruhe in Frieden. Schlaf ein wie eine neu verheiratete Ehefrau in ihrem Bett. Es wird dich keiner wecken können außer deine Liebsten.“
Das Schicksal der Heuchler
Für Heuchler und Ungläubige entfaltet sich eine dramatisch andere Realität. Auf die Frage der Engel antworten sie: „Ich habe aus den Mündern des Volkes etwas gehört. Die haben gebrabbelt, hier und da. Und ich sage dasselbe, was die gesagt haben.“
Diese Antwort – ein bloßes Nachplappern ohne echte Überzeugung – löst die Bestrafung aus. Der Erde wird befohlen, den Verstorbenen zusammenzudrücken. Sie drückt so fest, dass die Rippen sich kreuzen. Und in diesem leidenden Zustand bleibt er bis zum Tag der Auferstehung.
Die Reaktion von Umar ibn al-Khattab
Eine bemerkenswerte Überlieferung zeigt die Reaktion von Umar (r.a.), bekannt für seine Tapferkeit und Stärke. Der Prophet (ﷺ) fragte ihn: „Oh Umar, wie siehst du dich, wenn du gestorben bist? Man wird ein Grab für dich graben, dich waschen und in ein leichtes Tuch wickeln. Dann kommen deine Grabfreunde Munkar und Nakir, die sich anhören wie Donner, deren Körperhaare am Boden streifen, und mit ihren Zähnen die Erde deines Grabes aufreißen. Sie packen dich, holen dich heraus, schütteln und rütteln dich.“
Umar fragte in etwa: „Oh Prophet, werde ich da bei Verstand sein? Wird mein Kopf da sein?“ Als der Prophet bestätigte, antwortete Umar in etwa: „Dann habe ich keine Angst. Ich komme mit denen klar.“ Diese Antwort zeigt den unerschütterlichen Glauben der Gefährten – nicht Furchtlosigkeit aus Unwissenheit, sondern Vertrauen aus tiefer Überzeugung.
Die Bestrafung im Grab
Aisha (r.a.), die Ehefrau des Propheten, sagte: „Das Grab drückt dich so fest – wenn man sich nur davor retten könnte! Selbst Said bin Mu’adh, trotz seiner Rechtschaffenheit, konnte sich davon nicht vollständig retten.“
Die Metapher der 99 Drachen
Der Prophet (ﷺ) fügte hinzu: „Die Strafe für Ungläubige im Grab wird sein wie 99 Drachen – und jeder Drache besteht aus 99 Schlangen, und jede Schlange hat sieben Köpfe. Diese beißen den Verstorbenen manchmal, verwunden ihn manchmal, und manchmal fließt aus ihren Häuten Gift, mit dem sie den Verstorbenen aufblähen. Dies tun sie bis zum Tag der Wiederauferstehung.“
Diese drastischen Beschreibungen dienen nicht der Angstmacherei, sondern der Verdeutlichung einer Wahrheit: Das Grab ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Es ist die erste Station auf einer langen Reise.
Das Grab als erste Station
Der Prophet (ﷺ) fasste die Bedeutung des Grabes zusammen: „Das Grab ist euer erster Halt. Wenn ihr es im Grab leicht habt, dann werden die Stationen, die danach kommen, auch leichter sein. Aber wenn ihr im Grab Schwierigkeiten habt, dann wird das, was euch danach erwartet, noch schwieriger sein.“
Diese Aussage macht deutlich: Das Grab ist nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil einer Kontinuität. Es ist die Vorbereitung auf das, was folgt.
Was nach dem Grab kommt
Der Vortrag bot einen Ausblick auf die kommenden Stationen:
Nefh as-Sur (Das Blasen ins Horn): Israfil, der Engel, der seit Anbeginn der Schöpfung bereitsteht, wird ins Horn blasen. Beim ersten Blasen wird alles Leben ausgelöscht – nicht nur Menschen, sondern auch Engel. Selbst Azrail, der Todesengel, wird am Ende seine eigene Seele nehmen müssen. Nur Allah bleibt. Er wird fragen: „Habe ich euch nicht gesagt, dass ich der Größte bin? Wer von euch lebt jetzt noch außer mir?“ Dann wird Er wieder Leben einhauchen.
Tag der Auferstehung: An diesem Tag wird extreme Hitze herrschen. Die Menschen werden entsprechend ihres Schweißes leiden – manche bis zu den Knöcheln, andere bis zum Hals. Es ist der Tag der großen Versammlung.
Die Befragung nach den Sünden: Jede Tat wird hinterfragt. Die Angst vor dieser Befragung ist immens, denn nichts bleibt verborgen.
Das Buch der Taten: Wird es von rechts oder von links gegeben? Diese einfache Geste bestimmt das ewige Schicksal.
Die öffentliche Bloßstellung: Vor allen Menschen, die jemals existierten, können Sünden offenbart werden – oder durch Allahs Gnade verborgen bleiben.
Die Waage (Mizan): Die guten und schlechten Taten werden gewogen. Ein Atom Gewicht kann den Unterschied machen.
Die Vergeltung (Qisas): Jedes Unrecht, das man anderen angetan hat, muss beglichen werden. Diejenigen, die andere unterdrückt haben, werden zur Rechenschaft gezogen.
Die Fürsprache (Shafa’ah): Die Hoffnung auf die Fürsprache des Propheten und der Rechtschaffenen.
Die Folterengel: Für jene, die das Urteil der Hölle erhalten, warten die Zabaniyya – die Engel der Bestrafung.
Ketten, Schlangen, Skorpione: Die physischen und seelischen Qualen der Hölle, detailliert beschrieben in Quran und Hadith.
Körperliche und seelische Bestrafung: Im Grab ist die Strafe seelisch, aber sie wird empfunden, als wäre sie körperlich. Am Tag der Auferstehung werden die Menschen in ihren besten Jahren auferstehen – körperlich vollständig – und dann sowohl körperliche als auch seelische Bestrafung oder Belohnung erfahren.
Praktische Lehren für das Leben
Diese Lehren über das Grab sind nicht abstrakt oder theoretisch. Sie haben direkte Auswirkungen auf die Lebensführung:
Die Priorität der Taten: Nichts wird im Grab helfen außer den eigenen Taten. Keine familiären Beziehungen, kein Reichtum, kein sozialer Status – nur Gebet, Fasten, Sadaqa, Hadsch und rechtschaffenes Handeln.
Die Bedeutung der aufrichtigen Überzeugung: Die Frage von Munkar und Nakir ist einfach, aber entscheidend. Es genügt nicht, Worte nachzuplappern. Die Überzeugung muss im Herzen verankert sein.
Die Realität der göttlichen Gerechtigkeit: Das Grab offenbart die absolute Gerechtigkeit Allahs. Jeder wird entsprechend seiner Taten behandelt – weder mehr noch weniger.
Die Bedeutung der Vorbereitung: Der Prophet (ﷺ) forderte wiederholt dazu auf, sich auf den Tod vorzubereiten. Das Grab ist keine ferne Realität, sondern eine Gewissheit, die jeden erwartet.
Die Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit: Trotz der drastischen Beschreibungen der Bestrafung liegt die größte Hoffnung in Allahs unendlicher Barmherzigkeit. Reue (Tawba), Vergebung (Maghfirah) und die Fürsprache des Propheten (Shafa’ah) bleiben Quellen der Hoffnung.
Fazit: Die Brücke zur Ewigkeit
Das Grab ist mehr als ein physischer Ort – es ist eine Brücke zwischen der vergänglichen Welt und der ewigen Realität. Es ist der Moment der Wahrheit, in dem alle Masken fallen und jede Seele mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen konfrontiert wird.
Die Lehren über das Grab dienen nicht dazu, Angst zu verbreiten, sondern Bewusstsein zu schaffen. Sie erinnern daran, dass dieses Leben eine Prüfung ist, dass jede Handlung Konsequenzen hat, und dass die Vorbereitung auf das Jenseits die wichtigste Aufgabe im Leben ist.
Der Prophet (ﷺ) sagte: „Gedenkt oft des Zerstörers aller Vergnügen“ – womit der Tod gemeint ist. Dieses Gedenken soll nicht zur Verzweiflung führen, sondern zur Weisheit. Es soll uns helfen, Prioritäten richtig zu setzen, rechtschaffen zu leben, und uns ständig auf die Begegnung mit dem Schöpfer vorzubereiten.
Das Grab wartet auf jeden. Die Frage ist nicht ob, sondern wann – und vor allem: in welchem Zustand werden wir dort ankommen?



