Die Wüste und der zweifache Verlust des Propheten

📅 08. Dezember 2025
👥 VAFA Team
🏛️ Vorträge
⏱️ 7 Min. Lesezeit

Diese Vortragszusammenfassung behandelt zwei bewegende Kapitel aus der Kindheit des Propheten Muhammad ﷺ, basierend auf unserem wöchentlichen Sira-Vortrag vom 7. Dezember 2025. Die Grundlage bildet das Werk von Martin Lings.

Warum Kinder in die Wüste geschickt wurden

Es war damals Brauch, dass alle großen Familien Arabiens ihre Söhne zu den Beduinen der Wüste schickten. Die Beduinen waren Nomaden – Menschen ohne festen Wohnsitz, die umherzogen und in der Weite der Wüste lebten. Die Kinder wurden in sehr jungem Alter mitgegeben, noch während sie gestillt wurden, und blieben teilweise bis zu acht Jahren bei den Nomaden.

Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen war Mekka häufig von Epidemien und einer hohen Kindersterblichkeit betroffen. Die Wüste bot Schutz vor diesen Gefahren.

Zum anderen führten die Beduinen ein spirituelleres Leben. Martin Lings beschreibt es so: Die Wüstenluft sei gut für Körper und Geist gewesen. In der Wüste war man täglich damit konfrontiert, nicht zu wissen, was morgen kommt. Diese Ungewissheit hielt die Menschen wach und lebendig. Im Gegensatz dazu wurden Städte als Orte des Verderbens beschrieben – die geistige Wachheit stumpft ab, wenn man seinen festen Wohnsitz hat und das Essen immer auf dem Tisch steht. Sesshaftigkeit macht träge und macht einen zur „Zielscheibe der Zeit“, wie Martin Lings es formuliert.

Die Sprache der Wüste

Was besonders in der Stadt verfällt, ist die Sprache. Nur wenige Araber konnten damals lesen, aber eine schöne Sprache war etwas, das sich alle arabischen Eltern für ihre Kinder wünschten. Der Wert eines Mannes wurde zum großen Teil an seiner Beredsamkeit gemessen – und die Krone der Sprachkunst war die Poesie.

Auf einen großen Dichter in der Familie war man besonders stolz. Und die besten Dichter kamen fast alle aus den Wüstenstämmen, denn in der Wüste wurde eine Sprache gesprochen, die der Poesie sehr nahe kam.

Martin Lings fasst es zusammen: „Reine Luft für die Brust, reines Arabisch für die Zunge und Freiheit für die Seele.“

Die Herkunft dieser Tradition

Das Buch erwähnt auch den tieferen Ursprung dieser Lebensweise. Die Nomaden besaßen die gottgegebene, althergebrachte Lebensweise – das Leben Habils (Abel). Die Städter hingegen, die Nachfahren Kabils (Kain), der die ersten Dörfer baute, besaßen Eigentum und Macht. Die Beduinen erstrebten eine dauerhafte Verbindung mit einer der großen Familien Mekkas.

Halima und Harith: Eine Familie in Not

In dieser Geschichte begegnen wir einem Ehepaar vom Stamm der Banu Sa’d ibn Bakr: Halima und ihr Mann Harith. Sie gehörten zu den Nomaden, die nach Mekka kamen, um ein Kind mitzunehmen und in der Wüste aufzuziehen.

Doch ihre Situation war verzweifelt. Es war ein Jahr der Dürre. Sie ritten auf einer Eselin, die bereits so geschwächt war, dass sie sich kaum bewegen konnte. Alle anderen Reisenden überholten sie. Ihre Kamelstute gab keine Milch mehr. Und Halima selbst konnte ihren eigenen Sohn nicht mehr stillen, weil ihre Brust nichts mehr hergab.

Als sie in Mekka ankamen und der Austausch zwischen den Familien stattfand, wollte keine Familie aus Mekka dieser armen Beduinenfamilie ihr Kind anvertrauen. Sie sahen den Hunger, die geschwächten Tiere – und lehnten ab.

Das ärmste Kind von allen

Es gab jedoch ein Kind, das noch ärmer war als alle anderen: ein Waisenkind, dessen Vater gestorben war, bevor es zur Welt kam. Es war Muhammad, der spätere Prophet ﷺ. Da sein Vater Abdullah jung gestorben war, gab es keinen Reichtum, keinen Nachlass, nichts Materielles anzubieten.

Halima und Harith wollten zunächst ohne Kind zurückkehren. Doch dann entschied sich Halima: Dieses arme Kind ohne Vater – das können wir mitnehmen. Trotz ihrer eigenen Not, trotz des Hungers, nahmen sie das Waisenkind auf.

Harith sagte nur: „Vielleicht werden wir ja von Gott dafür belohnt.“

Und wahrhaftig wurden sie es.

Das Wunder der Barmherzigkeit

In dem Moment, als sie mit dem Propheten ﷺ als Baby zu ihren Reittieren zurückkehrten, geschah das Unfassbare: Halima konnte plötzlich wieder stillen. Ihre Brust gab Milch – genug für den Propheten und für ihren eigenen Sohn, der nun sein Milchbruder wurde.

Auch die Kamelstute gab wieder Milch. Halima und Harith konnten sich selbst davon ernähren. Sie beschrieben es als den schönsten Abend, den sie je erlebt hatten.

Am nächsten Tag, als sie aufbrachen, ritt ihre Eselin schneller als alle anderen Tiere der Banu Sa’d. Die anderen waren schockiert und sprachen es selbst aus: „Es scheint wirklich wie ein Wunder.“

Als sie in ihrem Gebiet ankamen, wo sie eine Herde besaßen, ging das Wunder weiter: Trotz der anhaltenden Dürre kamen ihre Tiere jeden Tag mit vollen Eutern und gefüllten Mägen zurück, während die Herden der anderen hungerten.

Die Öffnung der Brust

Nach zwei Jahren überzeugten Halima und Harith die Mutter Amina, dass der Prophet länger bei ihnen bleiben durfte. Doch dann geschah etwas Außergewöhnliches.

Eines Tages, als Muhammad ﷺ mit seinem Milchbruder hinter den Zelten spielte, kam der Bruder angelaufen und rief: „Mein Bruder vom Stamm der Quraysh! Zwei Männer in weißen Kleidern haben ihn gepackt, zu Boden geworfen und seine Brust geöffnet!“

Halima und Harith liefen zu ihm. Mit blassem Gesicht stand er aufrecht da. Sie fragten: „Was ist geschehen, mein Sohn?“

Er antwortete: „Zwei Männer in weißen Gewändern kamen zu mir. Sie legten mich auf die Erde und öffneten meine Brust und suchten etwas darin.“

Sie suchten überall, fanden aber keine Spur der Männer, kein Blut, keine Wunde. Doch die Kinder blieben bei ihrer Geschichte.

Viel später beschrieb der Prophet ﷺ selbst dieses Ereignis ausführlich: „Zwei Männer in weißen Gewändern kamen auf mich zu. Sie trugen ein goldenes Becken, gefüllt mit Schnee. Sie ergriffen mich, öffneten meine Brust und holten mein Herz heraus, das sie ebenfalls öffneten und daraus einen schwarzen Klumpen von geronnenem Blut entfernten, den sie fortwarfen. Dann wuschen sie mir das Herz und die Brust mit dem Schnee.“

Er sagte auch: „Satan berührt alle Söhne Adams am Tage ihrer Geburt. Nur Maria und ihren Sohn hat er nicht berührt.“

Die Rückkehr nach Mekka

Nach diesem Ereignis hatte Harith Angst, der Prophet könnte verzaubert worden sein. Sie brachten ihn zurück zu seiner Mutter Amina. Obwohl das Ehepaar zunächst nicht erklären wollte, was geschehen war, fand Amina es heraus. Doch sie blieb gelassen und sagte: „Auf meinen Sohn wird etwas Großes zukommen. Er ist etwas Besonderes.“

Sie wusste es bereits seit dem Licht, das sie während der Schwangerschaft in sich getragen hatte.

Drei glückliche Jahre

Drei Jahre lebte der Prophet ﷺ nun in Mekka, glücklich mit seiner Familie. Seine Spielgefährten waren Hamza und Safiyya – die Kinder von Abdul Muttalib aus einer Ehe, die am selben Tag geschlossen worden war wie die seiner Eltern Abdullah und Amina. Obwohl sie technisch gesehen Onkel und Tante waren, waren sie fast gleichaltrig mit ihm.

Die Reise nach Yathrib

Als der Prophet sechs Jahre alt war, entschloss sich Amina, Verwandte in Yathrib zu besuchen. Sie nahm Baraka mit, eine Sklavin, die den Propheten sehr liebte.

In Yathrib lernten ihm seine Verwandten das Schwimmen und auch das Drachensteigenlassen – kleine Freuden einer Kindheit, die bald enden sollte.

Denn auf der Heimreise wurde Amina krank. Kurz darauf starb sie in Abwa, in der Nähe von Yathrib.

Baraka und einige andere Reisende brachten den sechsjährigen Propheten zurück nach Mekka.

Unter dem Schutz Abdul Muttalibs

Von nun an passte Abdul Muttalib, sein Großvater, auf ihn auf. Er sorgte sich sehr um seinen Enkel und nahm ihn überall mit – ob zur Kaaba oder sogar in Ratsversammlungen. Die beiden waren unzertrennlich.

Jedes Mal, wenn jemand etwas Negatives über den Propheten sagte oder an ihm zweifelte, verteidigte Abdul Muttalib ihn: „Eine große Zukunft wartet auf meinen Sohn.“ Er nannte ihn „mein Sohn“ – er behandelte ihn wirklich wie sein eigenes Kind.

Der zweite Verlust

Doch das Kapitel heißt nicht ohne Grund „Ein zweifacher Verlust“. Zwei Jahre später starb auch Abdul Muttalib.

Er übergab den Propheten in die Obhut seines Onkels Abu Talib und dessen Frau Fatima. Auch sie behandelten ihn wie einen eigenen Sohn. Fatima liebte ihn so sehr, dass sie – so wird überliefert – eher ihre eigenen Kinder hätte hungern lassen als den Propheten.

Was wir daraus lernen

Diese Kapitel zeigen uns mehreres: Die Barmherzigkeit Allahs gegenüber denen, die trotz eigener Not Gutes tun – wie Halima und Harith, die für ihre Großherzigkeit reich belohnt wurden. Die besondere Stellung des Propheten ﷺ, die sich bereits in seiner Kindheit durch Wunder zeigte. Und die Prüfungen, die er bereits als Kind durchmachte – den Verlust seines Vaters vor der Geburt, den Tod seiner Mutter mit sechs Jahren, den Tod seines geliebten Großvaters nur zwei Jahre später.

Trotz allem wurde er von Menschen umgeben, die ihn liebten und beschützten. Allah hatte für ihn gesorgt.

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